MENSCH, WAS HAST DU GETAN …

MENSCH, WAS HAST DU GETAN …

Er hat „nur“ eine sensitive Seele ... ?

Wir haben uns die Welt nicht nur untertan gemacht, sondern sind dabei, sie zu vernichten. Ein Appell an die Vernunft und an die einsichtige Seele

Der Mensch steht über allem. Sagt Aristoteles. Seine Begründung: Im Unterschied zu den Tieren besitze der Mensch eine „einsichtige Seele“! 
Wohin uns diese einsichtige Seele geführt hat, begreifen wir gerade: An den Rand unserer Existenz. Der Mensch steht nicht über allem, er ist mittendrin. Kriege, Flüchtlingsströme, Corona, Klimawandel, Artensterben – längst sind es keine einzelnen Krisenherde mehr, die wir bekämpfen: Wir leben in der Metakrise, alles hängt mit allem zusammen. Und die entscheidende Frage lautet: Sind wir intelligent genug, Lösungen zu finden und die Welt für uns zu retten? Liegt diese Rettung in multilateralen Metalösungen? Oder im subsidiären Graswurzelengagement? Beides!

„Intelligent“ wird oft mit „technisch“ verwechselt. Gerade in Deutschland sollten wir das im Kopf haben, in den Augen der Welt sind wir ja die Entwicklernation, das Land der Ingenieure. Besser gefasst wäre „intelligent“ als: „das Problem umfassend, langfristig und nebenwirkungsfrei lösend“. Gut, dass wir von Millionen Jahre alter Ingenieurskunst umgeben sind, von der Natur. Ihre Lösungen sind im
systemischen Zusammenhang sturmerprobt! Und vielleicht sollten wir gerade jetzt öfter mal raus gehen. Es kann auch nicht schaden, einen Baum zu umarmen, das tut auch der einsichtigen Seele gut!
Aber wessen Welt sollen wir retten? Deine? Meine? Und welche zuerst? Krisen wirken kontextabhängig, genauso wie die Maßnahmen, mit denen wir ihnen begegnen. Maßnahmen, die sich allerdings oft als fatale Verschlimmbesserungen erweisen. Die Pulitzerpreis-Gewinnerin Elizabeth Kolbert hat zu diesem Thema gerade ein aufregendes Buch vorgelegt. Auf den Seiten 42 bis 49 finden Sie Auszüge. 
Klimapolitisch auch noch erstaunlich wenig beachtet ist die Verbindung zu soziodemografischen Faktoren. Wer weiß schon, dass Frauen häufiger an den Folgen von Klimaveränderungen sterben als Männer? Weil sie sich um Angehörige kümmern müssen, nicht schwimmen lernen dürfen oder aufgrund traditioneller Kleidungsvorschriften nicht schnell genug wegkommen? In Katastrophensituationen nimmt auch die Gewalt gegen Frauen und Kinder zu. Fasst man den Blick weiter, kommen Hautfarbe, Armut und gesellschaftlicher Status als ähnliche und sich gegenseitig verstärkende Faktoren hinzu. Gleichzeitig sind das genau die Personengruppen, die wenig Entscheidungsgewalt haben – politisch, aber auch hinsichtlich der Entwicklung und Kommunikation von ökonomischen, ökologischen und sozialen Innovationen: Eine Minderheit entwirft also die Zukunft der Mehrheit. Folge: Viele hadern, weil sie nicht gefragt wurden.

Klimawandel wirkt auch herkunfts- und gender-sensibel. Allerdings weiß man darüber noch wenig. Die Datenlücke – neudeutsch: das (gender) data gap – bewirkt, dass selbst die besten Ideen nur für manche wirklich gut sind. Ein Entwurf spiegelt die persönliche Erfahrung des Entwerfenden, nicht nur im Klimakontext. Und Ingenieure, Programmierer, aber auch Politiker sind als Berufsgruppe – naja, zumindest nicht sonderlich divers. Nicht mal dann, wenn die weibliche Form mitgemeint ist.Um die Klima- und Entwicklungsziele zu erreichen, brauchen so ziemlich alle Bereiche unseres Lebens – von der Stadtplanung über die Mobilität bis zum Produktdesign – ein nachhaltiges Remake. Nachhaltig heißt: gerecht für alle, schwarz oder weiß, Mann oder Frau, arm oder reich, Nord oder Süd und alle dazwischen. Jetzt und in 100 Jahren. Intelligent eben.Digitale Entwicklungen sind ein zentraler Bestandteil der Lösung, aber sie sind das nicht automatisch. Was, wenn der Algorithmus ein Rassismusproblem hat, weil die Bilder, mit denen er gefüttert wurde, nur weiße Menschen zeigen? Und nicht alle Menschen haben Zugang zu Strom und Internet. Die Digitalisierung hat die Welt kleiner werden lassen und ihren Hunger auf Ressourcen größer. Es ist wichtig zu verstehen, dass das deutsche Schnitzel ein Stück Regenwald in Brasilien kostet; dass in der Unterhaltungselektronik Metalle aus Afrika stecken, für deren Beschaffung es, sagen wir, weder Mindestlohn noch gesundheitliche Standards gibt; oder dass Biosprit in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht.Zur Grundausstattung von Zukunftsarchitekten – egal, ob digital oder analog – gehören demnach einerseits die erwähnten Daten. Andererseits braucht es aber auch eine sensible Antenne für das, was Menschen bewegt, und zwar inklusive aller jeweils lokalen Besonderheiten.Vernetztes digitales Denken, nachhaltige Gestaltung und adressatengerechte Kommunikation außerhalb der eigenen Wohlfühlblase sind zentrale Skills, wenn es darum geht, Vorschläge zu machen, wie wir in Zukunft leben können, was wir kaufen oder wie Menschen mitentscheiden. Die Zeit ist knapp, nicht erst seit Fridays for Future. Wir werden unser ganzes Können brauchen, wenn wir unsere Welt retten wollen. Und unsere einsichtige Seele.

verfasst von
Stefanie Geiselhardt

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