MYTHOS BABELSBERG

MYTHOS BABELSBERG

Von den Anfängen bis heute

Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang, Hans Albers und Heinz Rühmann, Lilian Harvey und Zarah Leander – im ersten richtigen Filmstudio der Welt haben Viele
Kinogeschichte geschrieben. Eine stieg hier zum Weltstar auf: Marlene Dietrich. Ein Rückblick.

Auch die Arbeit am Mythos beginnt montags: Am 4. November 1929 war im neu errichteten Tonfilmatelier des Babelsberger Studios, im sogenannten „Tonkreuz“, erster Drehtag eines Films über die fatale Obsession eines Kleinstadt- Studienrats für eine Tingeltangel-Sängerin. Dieser Film sollte für die bis dahin noch kaum bekannte Darstellerin Marlene Dietrich der Anfang einer internationalen Karriere werden, und für das Studio der Auftakt zu einem weiteren glanzvollen Kapitel seiner noch jungen Geschichte. Noch heute, neunzig Jahre später, liefert Josef von Sternbergs Film „Der blaue Engel“ ikonische Bilder zum „Mythos Babelsberg“.

Historisch geht dieser Mythos zurück auf den Berliner Filmpionier Guido Seeber, der 1911 auf der Suche nach einem neuen Atelier für die Produktion seiner erfolgreichen Filme mit der dänischen Schauspielerin Asta Nielsen ein leerstehendes Fabrikgebäude in Neubabelsberg fand. Bald entstand mit dem sogenannten „Glashaus“ das erste speziell für diesen Zweck erbaute Filmstudio der Welt; 1921 übernahm die Universum-Film AG (Ufa) die Anlage und baute sie zum ersten Großstudio aus. In den folgenden Jahren wurden hier unzählige Produktionen gedreht, darunter Meisterwerke des noch stummen Films wie Friedrich Wilhelm Murnaus „Der letzte Mann“ (1924), ein ergreifendes Drama über den deutschen Untertanengeist, das die Filmsprache um die „entfesselte Kamera“ erweiterte. In diesen Jahren war das Babelsberger Studio eine internationale Premiummarke in künstlerischer wie technologischer Hinsicht, ein multifunktionaler Kunstraum, den Siegfried Kracauer 1926 in der Frankfurter Zeitung
wie folgt beschrieb: „Alles garantiert Unnatur, alles genau wie die Natur.“

Mit Sternbergs „Der blaue Engel“ folgte der Tonfilm, eine kurze, wilde und produktive Zeit des technischen, ästhetischen und dramaturgischen Experiments: von Fritz Langs
kubistischer Tongestaltung in „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) über die selbstreflexiv-intelligente Albernheit der Tonfilmoperette bis zu der logistisch und kulturell herausfordernden Praxis, denselben Film gleichzeitig in diversen Sprachversionen für mehrere Märkte zu drehen. Hier übersetzte sich das Versprechen des geographischen Zufalls ins Bedeutsame, indem die internationale Sprache des
Stummfilms in die polyglotte Sprachenvielfalt dieses neuen Babels überging. Diese Freiheit dauerte jedoch nur zwei kurze Jahre. Mit Hitlers „Machtübernahme“ wurden die Studios der Ufa sehr schnell sehr deutsch. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels brachte die Filmproduktion gezielt unter seine Kontrolle, denn gerade die scheinbar unverfängliche Unterhaltungsware mit beliebten Stars wie Hans Albers,
Heinz Rühmann und Zarah Leander war politisch wichtig – mehr noch als die bis heute berüchtigten Propagandafilme. Wenn jeder Mythos eine Erkenntnis als Geschichte vermittelt, dann erzählt der „Mythos Babelsberg“ genau diese ambivalente
Geschichte von der Traumfabrik in ihrer Gleichzeitigkeit von Demokratisierung der Sinnproduktion und politischer Instrumentalisierung.

Nach Kriegsende wurde unter sowjetischer Verwaltung die Produktion am Standort wieder aufgenommen, 1946 erfolgte die offizielle Gründung der Deutschen Film AG (DEFA). In den 1.240 Spiel- und Fernsehfilmen, die auf dem Babelsberger Gelände bis 1990 entstanden, spiegelte sich nun die politische und gesellschaftliche Entwicklung der DDR zwischen Aufbaupathos, kritischem Engagement und Resignation – ein Bilder- und Geschichtenreservoir, das dauerhaft zum Verständnis dieses verschwundenen Landes beitragen wird. Nach Wende und Wiedervereinigung musste sich der Filmstandort Babelsberg nochmals neu erfinden. Die DEFA wurde abgewickelt und die Medienstadt geboren, in der heute etwa 1.750 Menschen in 16 Filmstudios und 100 Unternehmen arbeiten.
Noch immer und immer wieder werden hier Geschichten erfunden sowie Bilderwelten entworfen, noch immer steht professionelles Handwerk neben technologischer Pionierarbeit. Der Name Babelsberg übt Faszination aus, unabhängig davon, ob die Geschichte bekannt ist oder nur ungefähre Assoziationen aufgerufen werden. So wollte George Clooney bei der Produktion von „The Monuments Men“ 2013 angeblich unbedingt im ehemaligen Büro von Goebbels residieren. Die Arbeit am Mythos geht weiter.

verfasst von
Stella Donata Haag

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